Wolfgang Melzer
(Rednerladen)

Wolfgang D. Melzer


Überfahrt
Ein optimistisch-nihilistisches Lesebuch
mit Illustrationen von Olaf Stoy



THELEM
Universitätsverlag und Buchhandlung GmbH & Co.KG
Dresden und München 2026


140 Seiten, Softcover mit Klappen

19,80 Euro

ISBN 978-3-95908-719-3


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Welchen Sinn hat es, einen absurd hohen Turm zu bauen?
Welchen Sinn hat es, nach einem Sinn zu fragen?
Ist der tiefste Sinn womöglich der Unsinn?
Und was bleibt von alledem?
Kommt es vielleicht doch nur darauf an, dass die Ente schmeckt?

Solchen Fragen wird semi-solide nachgegangen, bis die Leserin, der Leser sagt: "Na, da schau her." 
Oder eben stoßseufzt: "Oh, Mann!" - Je nachdem.


Leseprobe

Baum 400

Ich habe einen Baum gekauft: KM 400, fünfzehn Jahre alt, an einer Weggabelung mitten im Wald. Eine Roteiche, wie geschaffen für das Überleben im Klimawandel.
So lange sie steht, wird sie meine Adresse sein, wenn ich dereinst in Charons Nachen den Styx überquert haben werde. Vom jenseitigen Ufer werde ich zurückschauen und einen Ort mit einer Leerstelle sehen, die dann dort ist, wo ich einst war …
So habe ich mir das viele Jahre ausgemalt und im Herzen gehofft, ohne mir Rechenschaft darüber zu geben, was ich damit anfangen wollte. Wohin sollte mich das schon bringen?
Jetzt, da ich den Vertrag unterschrieben habe, denke ich, ich werde lieber aus dem Fluss Lethe trinken, das Wasser des Vergessens. Denn das ist am geradlinigsten: Ein Fort und Hin. Nichts weiter. Ich werde alles vergessen. Und vor allem anderen: Ich werde mich vergessen. Diesen wandelnden Darm und den ewig mitlaufenden Zweifel. Es wird still sein um mich und still sein in mir und es wird keinen Unterschied geben zwischen diesen beiden Erfahrungen. Ich werde sogar die Spuren vergessen, die ich lebenslang so sorgfältig ausgelegt habe; und nichts mehr davon wissen. Nicht wer sie sieht; nicht wer sie liest. Die Ruhe wird umfassend sein. Und sie wird die Eitelkeit der absichtsvollen Fährten offenbaren, die im Schattenreich dann doch nichts bedeuten.
Bis dahin wäre noch etwas Zeit, hatte ich gedacht. Doch die Schatten, Hirngespinste, Träume – nennt es, wie ihr wollt – scheinen das anders zu sehen. Seit meine ewige Adresse feststeht, suchen sie mich auf. Manche von diesseits und manche von jenseits des Styx; einige fragil und rudimentär, andere handfest und klar; ich habe keinen Einfluss darauf und es ist, als wollten sie mich daran gewöhnen, unter ihnen zu leben. Sie fassen mich liebevoll und bringen mich ein Stück. Ganz als wollten sie mir zeigen, dass ich mich nicht fürchten müsse.
Mir kommt das entschieden zu früh. Deshalb habe ich beschlossen, sie sanft auf Abstand zu halten; – indem ich von ihnen erzähle.
Irgendwann werde ich ein Erdloch neben der Roteiche beziehen, dann wird das nicht mehr nötig sein. Überhaupt wird das Erzählen ein Ende haben.
Und alle Jubeljahre besucht mich einer am Baum 400, und denkt an mich und sagt: »Ja, ja, der war schon einer. Hat mit Schatten gesprochen. Muss man erst mal hinkriegen.«
Und schüttet mir einen Schluck Tee hin. Und nickt. Und geht zurück, woher er kam.