Wolfgang Melzer

(Rednerladen)

Aus meinen Sudelbüchern
Beobachtungen, Betrachtungen, Einfälle, wie sie gerade anfallen.


22. November 2021, 13:29

Wie man mit Fakten Unsinn verbreitet

Kürzlich ging es in meinem Bekanntenkreis mal wieder um Corona. Einer in der Runde (geimpft)brachte die mittlerweile oft zu hörende Aussage aufs Tapet, die Impfung wäre ja wohl auch nicht das Gelbe vom Ei, gäbe es doch so viele Impfdurchbrüche. Gefragt, wie hoch die Quote an Durchbrüchen seiner Meinung nach wäre, hatte er flüssig die Antwort parat: 25%.
Das stand in krassem Widerspruch zu der Zahl, die ich im Kopf hatte, nämlich um die 2%. Niemand in der Runde hatte Lust, die Differenz sofort aufzuklären resp. zu klären, welche Zahl stimmt.
Das habe ich erst am nächsten Tag in Angriff genommen und fand auf statista.com das Diagramm, das Sie in der "Bildergalerie" finden.


Ein kurzer Blick auf die Prozentzahlen, zeigte mir, dass ich mit meinen 2% beträchtlich danebengelegen hatte. Da die Daten aber vom RKI stammten, welches ich für eine seriöse Quelle halte, musste ich irgendjemand anderem auf den Leim gegangen sein. Jetzt wollte ich wissen, wer mich so in die Irre geführt hatte und sah mir noch weitere Treffer meiner Suche an. Und siehe da: Der Stern meldete rund 175 000 Durchbrüche bei rund 52 000 000 Geimpften. Das entspricht einer Quote von 0,34%. Demnach lägen selbst meine 2% deutlich zu hoch, wären aber die deutlich realistischere Schätzung als die meines Gegenübers.
Um die große Kluft zwischen den Angaben zu klären, blätterte ich zurück zu den Daten von statista.com. Jetzt las ich die Überschrift genauer und sofort war klar: Die Zahlen beschrieben völlig unterschiedliche Sachverhalte! Die Daten von statista beschreiben lediglich die Binnenverteilung der Erkrankten, sie sagen nichts über die Wahrscheinlichkeit, dass eine geimpfte Person Symptome entwickelt. Ein Gedankenexperiment macht den Unterschied deutlicher: Nehmen wir an, die Impfung wird in 2% der Fälle durchbrochen. Diese Quote bleibt erhalten, egal, wie hoch der Anteil der Geimpften an der Gesamtbevölkerung ist. Die Anzahl der Durchbrüche steigt mit der Anzahl der Impfungen, die Quote aber nicht. Anders beim Indikator der Grafik: Er steigt mit der Zahl der Geimpften. Sind alle geimpft, dann liegt der „Anteil der Impfdurchbrüche unter symptomatischen Fällen“ genau bei 100%. Anders gesagt: Die Grafik sagt etwas über die Impfkampagne in Deutschland aus und nichts über die Wirksamkeit der Impfung. So gesehen, wünsche ich mir, dass der in der Grafik dargestellte Anteil der Impfdurchbrüche möglichst schnell auf 100% steigt. Das würde viele unserer Probleme mildern.

Was ist ärgerlich daran?
1. Wenn ein Portal, das sich die Versorgung der Öffentlichkeit mit statistischen Daten verschrieben hat, ein Diagramm veröffentlicht, gehe ich als Leser davon aus, dass die Autoren die Statistik für relevant in dieser oder jener Hinsicht halten. Die vorliegende Grafik ist für keine Frage, die ich mir zur Pandemie vorstellen kann, von Bedeutung. Der Leser fragt sich: Was sollen mir diese Zahlen sagen? Und er kommt zu einem ähnlichen Ergebnis wie mein Bekannter.

2. Seit Monaten beobachte ich nicht nur beim Publikum, sondern eben auch bei Journalisten, Politikern und, ja, auch Medizinern, ein gewisses Unvermögen, mit statistischen Daten umzugehen. Umso aufgeregter wird damit um sich geworfen. Nun ist schon lange bekannt, dass Menschen generell schlechte Statistiker sind, umso sorgfältiger sollten die arbeiten, die sich selbst einen Expertenstatus zuschreiben.

3. Um Missverständnissen vorzubeugen: Die Grafik von statista ist in dem Sinne korrekt, dass sie nichts Falsches behauptet. Aber allein durch ihre Veröffentlichung behauptet sie eine Relevanz für die aufgeheizte Diskussion um Corona usw., und die ist, wie ich gezeigt habe, nicht vorhanden. Darüber führt sie in die Irre, indem sie falsche Schlussfolgerungen nahelegt.

4. Von einem Experten erwarte ich, dass er den Einfluss der Grundrate/Prävalenz eines Indikators auf abgeleitete Häufigkeiten/ Wahrscheinlichkeiten kennt, und dem verbreiteten Fehlschluss von Laien nicht verfällt. Das ist in diesem Fall leider nicht gelungen und einmal mehr kam Unsinn in die Welt.

PS: Dieser Post geht parallel zu diesem Eintrag an statista.de

Redakteur

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19. März 2021, 13:39

Die Einen, die Anderen und Corona

Würde ich mir jedes Mal an den Kopf fassen, wenn mir aus den Medien gequirlter Mist entgegenquillt, würde ich verhungern, weil ich nie die Hände frei hätte, den Löffel zu halten. Nun könnte ich das Bisschen, was ich esse, auch trinken, aber auch dann bräuchte ich jemanden, der den Strohhalm in den Eimer steckt und auf meinen Mund ausrichtet. Ich glaube, Ihr versteht meinen Punkt!
Um mir Essenspausen zu verschaffen, schalte ich also das Radio aus, das Tablet, den Fernseher und verstecke die Zeitung.

Zwischen den Mahlzeiten erfahre ich dann allerlei Verwunderliches. Da wird – nur mal als Beispiel – Herr Scheuer Co-Vorsitzender einer Taskforce für Corona-Tests. Was erwartet die Bundesregierung von uns Bürgern, wenn sie solche Berufungen verkündet? Sollen wir wirklich denken: „Na, Gott sei Dank, der Scheuer, das Organisations-Genie! Dann wird es jetzt richtig vorangehen!“
Sind die Damen und Herren naiv oder arrogant?
So viel zur Seite der Macher.

Es gibt aber auch die Seite derer, die sich lautsprecherisch als Opfer profilieren. Viele davon waren am 13. März nach Dresden gekommen, um verquer zu demonstrieren. Verquer zumindest in Teilen und in mancherlei Hinsicht. Auf einem flatternden Umhang las ich die Botschaft: „Früher hieß es Judenstern, heute Impfpass!“ Ich fasste mir an den Kopf. Da stilisierte sich einer zum Opfer einer Willkür über Leben und Tod, der fröhlich pfeifend über Dresdens Straßen schritt und jedem mitteilte, dass er sich nicht impfen lassen wollte. Auch möglich, dass der Typ darauf aus war, Polizisten zu verhauen – ich weiß es nicht.
Sehen wir einmal, quasi zum Zwecke des Beweises, von der Geschmacklosigkeit des Spruches genauso ab wie von seiner Respektlosigkeit, dann scheint er sich gegen Überlegungen zu richten, geimpften Personen mehr Spielraum zu gewähren als nicht geimpften. Hier reihte sich einer ein in den Chor, der „Keine Privilegien!“ über die bundesdeutsche Ebene schrie. So laut brüllte, dass schreckhafte Politiker sich beeilten zu versichern, Privilegien für Geimpfte wären nicht vorgesehen.
Dabei ist es in der Gesellschaft keineswegs die Ausnahme, sondern die Regel, dass der Zugang zu bestimmten Vorteilen/Ressourcen an Bedingungen geknüpft wird. Nur kommt einer, der bei Verstand und nicht völlig geschichtsvergessen ist, nicht auf die Idee, Spruchbänder aufzuhängen, auf denen steht:
„Früher hieß es Judenstern, heute Führerschein!“ oder
„Früher hieß es Judenstern, heute Kassenzulassung!“ oder
„Früher hieß es Judenstern, heute Abitur!“
Oder Schaltberechtigung. Oder Alkoholverbot. Oder Staplerschein. Oder Volljährigkeit. … Oder Mitgliedsausweis. …
Oder auch: Anstand?

Redakteur

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14. Februar 2021, 11:29

Ein Brief zum Brief

Manchmal findet man Erleuchtung, wo man es niemals erwartet hätte. Mir erging es so, als mein Blick auf die Leserbriefseite der Sächsischen Zeitung vom 13./14. Februar 2021 fiel und an einer Überschrift hängen blieb. Sie lautete: „Wir waren einfach glücklich, ohne rassistisch zu sein“. Es handelte sich um ein Zitat aus einem Leserbrief, zu einem Artikel über politisch korrekten Sprachgebrauch, der eine Woche früher erschienen war. („Wir müssen darüber reden, was wir sagen“, SZ 6./7.Februar 2021)

Hier der Text:
„Diese Überschrift finde ich gut und richtig. Doch mit der Abschaffung von Begriffen wie Mohr, Indianer und Zigeuner wird man an der Einstellung von rechtsorientierten Bürgern nichts ändern. Wir haben als Kinder Mohrenköpfe gegessen, Indianerfilme geschaut und waren einfach glücklich, ohne rassistisch zu sein. Wenn aber die Autorin den Osten schon wieder so hervorhebt, dann bin ich mir nicht sicher, ob sie hier auch den „Ossi“ meint. Und damit fühle ich mich stigmatisiert und in eine Ecke gedrängt.“
So schrieb Katharina Kühne per Mail an die Zeitung.

Das kommt dabei heraus, wenn man versucht zu definieren, ob ein Sprachgebrauch objektiv rassistisch ist oder nicht. Eine objektive, von den kommunizierenden Personen losgelöste, Bedeutung eines Wortes gibt es nämlich nicht. Das wird in den Diskussionen zwischen den Befürwortern und den Kritikern der PC gern übersehen. Aber, schauen wir uns die Sprache der Mail einmal an.
Da schreibt die Autorin: „Wir haben als Kinder …, ohne rassistisch zu sein.“
Was sie meint, ist wahrscheinlich: „…, ohne darüber nachzudenken.“
Das ging mir übrigens genauso. Nur bin ich heute kein Kind mehr und weiß, dass ich andere vor den Kopf stoßen kann, gerade weil ich mir nichts dabei denke. Denn auch dann gilt das Prinzip: Die Bedeutung einer Nachricht ist die Reaktion des Empfängers. Wenn ich jemanden mit einem Messer verletze, dann blutet er, egal ob das in meiner Absicht lag oder nicht. Mit verletzenden Worten ist es dasselbe.
Anders gesagt, ob ein Ausdruck rassistisch ist oder nicht, entscheidet sich daran, ob er von den Bezeichneten als verletzend empfunden wird oder nicht. Eine Diskussion unter weißen Mitteleuropäern darüber, was ein farbiger Mitteleuropäer, Afrikaner, Südamerikaner als verletzend oder herabsetzend empfindet, muss also in die Irre gehen. Da müssen wir schon diejenigen hören, von denen die Rede ist. Und darauf Rücksicht nehmen.

Für sich selbst reklamiert Frau Kühne diese Rücksicht, wenn sie schmollend schreibt: „…bin ich mir nicht sicher, ob sie hier auch den „Ossi“ meint. Und damit fühle ich mich stigmatisiert und in eine Ecke gedrängt.“ Empfindlichkeiten gibt es eben überall: Beim Ossi wie beim Afrikaner.
Und wenn dann noch einer ruft: „Komm schon, Mädel! Hab dich nicht so! Die hat sich nichts Böses gedacht.“ Dann ist die Parallele überdeutlich.

Ja, liebe Frau Kühne, wie wäre es, wenn Sie einmal überlegten, wie es dem dunkelhäutigen Menschen gehen könnte, der beim Bäcker hinter Ihnen steht, während Sie einen Mohrenkopf verlangen?

Redakteur

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02. Dezember 2020, 15:40

Querdenker - zwei Lückenfüller

1. Frühere Querdenker kamen vom Geradeaus-Denken, heutige Querdenker kommen vom Nicht-Denken her.
Und weit sind sie nicht gekommen.

2. Verquerdenker erkennt man hauptsächlich an ihren lauthalsen Gewissheiten.

Redakteur

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09. August 2020, 16:39

Richtigstellung

Vergangenen Sonnabend sah ich Bilder von der Corona-Demo in Berlin. Zwei Plakate fielen mir auf. Das eine warf die Frage auf: „Worum geht es hier eigentlich?“ Sehr berechtigt, wie ich fand. Denn mir war auch nicht klar, worum es den Demonstranten eigentlich ging. Das schien auf der Straße jedoch keinen zu irritieren: Man demonstrierte fröhlich vor sich hin und neben sich her; jeder schien sein eigenes Anliegen zu haben. Na, sollen sie doch, dachte ich gerade, da fiel mir ein Plakat ins Auge, auf dem stand in ungelenken Lettern:

Coronapandemie ist
größte Verschwörungstheorie

Und das war zu viel. Eine Grenze war überschritten. Das Plakat – ich muss es so sagen – es war gelogen. Denn die größte Verschwörungstheorie ist, wie jeder weiß oder wissen könnte, die größte Verschwörungstheorie – ich wiederhole es – ist die Schwerkraft. Wer die erfunden hat, war wahrlich ein Meister seines Fachs. Gut sieben Milliarden Menschen hat sie sich unterworfen, selbst der Träger des besagten Plakates gehört dazu. Das zeigt schon: Es gibt keine Ausnahmen. Da muss sich die heurige Pandemie noch gehörig strecken, wenn sie da herankommen will. Die Schwerkraft hat buchstäblich alle infiziert. Vor Jahrtausenden konnten die Menschen noch fliegen. Man flog fröhlich hierhin und dahin, ins Theater oder zur Tante auf Besuch. Bis einer kam und verbreitete, die Schwerkraft verhindere, dass der Mensch fliege. Seitdem wurden unsere Vorfahren von einer Lügenpresse auf tönernen Tafeln und gekauften Rednern bearbeitet, bis sie selbst glaubten, sie könnten wirklich nicht fliegen.

Seit jenen Tagen kriecht der Mensch über die Erde als ein Gewürm. Kaum einer versucht noch zu fliegen. Eigentlich nur Herr Jebsen, aber auch dessen unerschrockenen Versuche endeten auf dem Boden. Ja, so mächtig sind Verschwörungen, wenn sie erst die Massen ergriffen haben.
Dabei ist die Schwerkraft nur erfunden worden, um sich auf Kosten der Bürger zu bereichern. Nur so konnte man den Leuten Pferde-kutschen, Eisenbahnen, Automobile verkaufen, die ja allesamt nur das Kriechen beschleunigen. Denn: Der Mensch soll kriechen! So wollen es die Mächtigen. So hat es I. Newton festgelegt, der Bill Gates des 17. Jahrhunderts. Und alle sind auf ihn hereingefallen. Aber der Traum vom Fliegen lebt noch immer in uns. Und dies ist das sicherste Zeichen, dass die Geschichten von der Schwerkraft Fake News sind. Fragen sie doch einmal nach, ob einer Ihrer Nachbarn schon einmal eine Schwerkraft gesehen hat, oder gerochen, oder gefühlt, sagen wir als Ziehen in der Brust. Sie werden niemanden finden.
Bei einer derartigen Faktenlage ist doch jedem Sonntagsdenker sofort klar: Diese Geschichten sind erdacht und verbreitet von einer geheimen Elite, die den Menschen am Boden halten will.
Deshalb, lieber unbekannter Plakatträger:

Die Coronapandemie ist die größte Verschwörungstheorie,
aber die Schwerkraft ist größer!!!

Das wollte ich mal gesagt haben.

Redakteur

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08. Mai 2020, 08:01

Zwischenmeldung

Seit acht Wochen scheitere ich an der Paradoxie des Satzes: Ich werde nicht über Corona schreiben.

Redakteur

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24. März 2020, 11:29

Versuch über die Sucht

Die Sucht der Zeit ist die Sucht nach Kontrolle. Alles soll unter Kontrolle sein, auch die eigene Person. Die vor allem. Verlockend an der Kontrollsucht ist, sie kann zum Exzess getrieben werden, ohne einen Kater zu riskieren oder einen Absturz befürchten zu müssen. Kontrollsüchtige verhindern jeden Absturz ins Enthemmte, Archaische. Der Preis ist eine still würgende Angst, nicht genügen zu können und irgendwann doch die Gewalt über sein Schicksal zu verlieren. Denn was muss man nicht alles zügeln: seinen Körpergeruch, seinen Appetit, Räusche jeder Art, seine sexuelle Anmache, seine Sprache, Mundgeruch und Zahnfleischbluten, seine Behaarung sowieso. Alles für sein Image in den wichtigen Gruppen, seine soziale Position, seinen Aufstieg und so weiter.
Der Rausch ist aus der Mode gekommen.
Wir verbieten uns zu fressen, weil wir davon fett würden. Dasselbe beim Saufen: Wir riskieren nicht, aus der Lust heraus über die Stränge zu schlagen; wir bleiben vernünftig. Klar, andere arbeiten sich zwanghaft zum Koma durch. Aber das sind die Tölpel vom Dorf, die wissen es nicht besser. Wir beherrschen uns, weil wir es so wollen. Wir kriegen es sogar hin, den Verzicht auf den Exzess selbst lustvoll zu besetzen. Es ist eine paradoxe Lust an der Entsagung. Das geht natürlich nur über ständiges Reflektieren. Wir spalten uns auf, um uns permanent selbst auf die Schulter klopfen zu können, wie geschickt wir es vermögen, allem Extremen zu entgehen. Aus Lust wird Spaß.
Und dann kam Corona. Seitdem läuft alles aus dem Ruder. Wir stehen auf den Balkonen und trotzen singend dem Einbruch der Unberechenbarkeit in unser Leben. Gesang ist ja bekanntermaßen die stärkste Waffe gegen böse Geister.

Das oben Gesagte gilt natürlich nur für eine gewisse Gruppe der Gesellschaft.Die allerdings bestimmt den öffentlichen Diskurs. Andere ignorieren die Situation, deuten sie um, greifen zu alten Mustern, diese sind weit weniger zu hören, wenn überhaupt, denn sie leben zu weit ab von den Verstärkern und Lautsprechern der Mediengesellschaft.

Redakteur

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22. November 2019, 09:51

Noch ein Nachtrag

Es ist ja immer schwierig, etwas zu entdecken, das nicht da ist. So dauerte es einige Zeit, bis es mir auffiel: Niemand würdigte in Rede oder Artikel oder sonstiger Publizistik den Beitrag des BND zur Wende in der DDR und der nachfolgenden Wiedervereinigung. Denn, wenn die Kollegen in Pullach damals ihre Arbeit gemacht haben, dann war das doch bestimmt irgendwo zu spüren. Der Sachse zum Beispiel, der neulich wieder einmal im Fernsehen zu sehen war, wie er unter einem schwarz-rot-goldenen Ossi-Hütchen den volkstümlichen Reim hervorbrachte: "Bei Helmut Kohl, da ist uns wohl!", der wäre für mich ein Kandidat. So ähnlich stelle ich mir die Arbeit des BND vor. Vielleicht auch viel raffinierter.
Aber möglicherweise habe ich jetzt höchstselbst eine von den Verschwörungstheorien zusammengebastelt, die ich bei anderen eher ätzend finde. Könnte ja sein, die haben in Pullach wirklich nur Kaffee getrunken und Fernsehen geguckt.
Dann allerdings steigt in mir die Befürchtung auf, sie könnten das heute wieder genauso halten und schläfrig aus den Fenstern schauen. Und das will ich mal nicht hoffen.

Redakteur

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11. November 2019, 15:02

Nachtrag zum 9.11.

Nachdem ich gestern nur Erleichterung verspürte, also emotional reagierte, kamen mir heute Gedanken. Auslöser war ein „Spiegel“ vom August 2019, den ich zufällig in die Hand bekam. Auf dem Titel stand die, quasi ethnologische, Zeile: „So isser, der Ossi.“ Und darunter: „Wie der Osten tickt – und warum er anders wählt“.

Das wurde vor drei Monaten geschrieben, also einiges vor den Festreden, den rituellen Verbeugungen vor „den Menschen in Ostdeutschland“ und deren Verdiensten um „friedliche Revolution“ und „Wiedervereinigung“ (die freilich nicht ohne Fehler und Härten gelungen sei).

Beides zusammen führte mich zu Fragen, die – soweit ich sehe – kaum gestellt werden und die auch niemand beantwortet.
Dabei kann man sich fragen:
1. Wie isser, der Wessi? Wie tickt der Westen?
2. Warum wurde im Herbst ´89 im Osten nicht geschossen? War die DDR schon so herunter, dass sie keine Munition mehr hatte? Welche anderen Gründe könnte es noch gegeben haben?

Gut, eine Antwort weiß ich jetzt auch nicht, aber vielleicht ist es schon ein Fortschritt, die Fragen aufzuwerfen.

Redakteur

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10. November 2019, 08:36

Gott sei Dank, der 9.11. ist vorbei

und hat nicht Geschichte geschrieben! Dabei ist er doch dafür anfällig: Robert Blum wurde an einem 9.11. erschossen, an einem anderen wurde die Weimarer Republik proklamiert, genau zwanzig Jahre danach in der Reichspogromnacht splitterten Scheiben und loderten Flammen, und an wieder einem anderen fiel die Mauer. Den ganzen Tag über war ich unruhig, aber außer Reden passierte nicht viel im Lande. Und ich habe nichts vermisst. Vermutlich werde ich mich in einem Jahr nicht mehr an ihn erinnern. Manchmal ist so ein Tag ohne Geschichte das Beste, was einem passieren kann.

Redakteur

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